Staunen als Thema der Wissenschaft

Kaspar H. Spinner, Horst Rumpf, Josef Beuys, James Krüss …

Kaspar H. Spinner

Dass Kinder in ganz besonderem Maße des Staunens fähig sein können, bedarf kaum ausführlicher Begründung. Wir können es im Umgang mit Ihnen immer wieder beobachten und Erinnerung an entsprechende Kindheitserfahrungen dürften die meisten Erwachsenen haben.

Dem Kind ist die die Welt in viel stärkeren Maße überwältigend neu. Ihr staunend zu begegnen ist allerdings auch von Voraussetzungen abhängig, von einem mitmenschlichen Umfeld, das eine solche Haltung zuläßt und unterstützt. Staunen heißt, der Erfahrung von Welt gegenüber offen zu sein und eigene Empfindungen zuzulassen.
Was aber verbindet den Begriff des Staunens mit dem Ästhetischen? Staunen ist ein Verhältnis zur Welt, das nicht von Handlungsintention, von Zweckrationalität bestimmt ist. Es ist eine Form der Wahrnehmung, die ganz dem Erscheinen des Wahrgenommenen zugewandt ist und die dem Wahrnehmenden ohne Gedanken an ein Wozu wertvoll ist.
(…)
Dass sich Erwachsene so oft mit Sehnsucht an das Staunen der Kindheit erinnern, dürfte (in diesem Sinne) auch damit zu tun haben, dass sich Kinder besonders intensiv der Imagination hingeben können. Und das Lesen von Literatur ist für manche ein Wiedereintauchen in diese früh erfahrene, Staunen erregende Traumzeit der Phantasie. Wer ihr als Kind nicht begegnet ist, bringt zweifellos weniger Voraussetzungen mit, ein Leser von Literatur zu werden.

Prof. em. Dr. Dr. h.c. Kaspar H. Spinner / Didaktik der Deutschen Sprache und Literatur an der Universität Augsburg

 

 

Horst Rumpf über das Staunen

Es gibt so etwas wie die Fähigkeit zu staunen. Erich Fromm hat sie »capacity to be puzzled« genannt – es ist das keine von den heute gefragten aktiven Zugriffsformen auf die Welt – diese Fähigkeit, sich treffen, verwirren, irritieren zu lassen, die Fähigkeit, etwas für nicht selbstverständlich zu halten.

Man kann der Meinung sein, dass es sich da nicht um eine luxuriöse Form der Aufmerksamkeit handelt – ohne sie ist alles zupackende Lernen und Wissen auf Sand gebaut – ihm fehlt die Sauerstoffzufuhr. (…) Wer des Staunens nicht mehr fähig ist, erstarrt im Können und Bescheidwissen. Dem Fachmann, der immer nur lächelt, wenn der Laie staunt, geht nichts mehr unter die Haut, er hat nur noch mit sich und seinem Vorwissen zu tun. (…)

Aus einem Vortrag in Marburg am 12.Juni 2012
Horst Rumpf (* 1. Mai 1930 in Darmstadt) ist ein seit 1996 emeritierter Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Frankfurt am Main.

 

Josef Beuys über Imagination

Wenn nur Begriffe einen Wert hätten, dann bräuchte man überhaupt keine Farben, keine Bilder, keine Zeichnungen, keine Imagination, Skulpturen, Klänge, Musik, Tanz, Theater, nichts! Alles könnte sich rein wissenschaftlich durch Begriffe verbalisieren. Aber Begriffe bieten einfach nur mal Strukturen, die auch wichtig sind. Aber wenn sie einseitig auftreten, sind sie natürlich der absolute Tod jedes kulturellen Lebens … Die Begriffe werden nach einem halben Jahr absolute Leichen sein, wenn sie nicht ernährt werden durch die Imagination, d.h. durch die gotischen Dome, die Kathedralen, die Symphonien von Bach, Beethoven, Mozart, durch die Bilder von Rembrandt. Auch die rationalen Begriffe der Physik bekommen im Grunde ihr eigentliches Leben durch die Imaginationen, weil die Imaginationen viel tiefer in die evolutionäre Wurzel hinein fassen und sozusagen das Leben für die Sprache erst anliefern. Dann schließlich am Ende wird die Sprache zu einem Kanon von Begriffen, die analytisch sind und natürlich auch wichtig sind. Aber wenn diese Begriffe nicht immer wieder einen Nährboden bekommen durch Kunst, durch Imagination und Inspiration, dann wird die Sprache nach einem halben Jahr eine absolut bürokratische Sprache sein, die die Welt zu Tode bürokratisiert. (Zu Josef Beuys: SWR-Doku)

Beuys, Josef/ Haks, F.: Das Museum und seine Aufgaben. Möglichkeiten, Dimensionen. Ein Gespräch. FIU Verlag

 

Aus dem Leben der Autorin Christine Nöstlinger

Sie hat noch ein paar Kinderjahre im letzten Krieg gelebt, danach einige Zeit in der materiellen und kulturellen Armut der Nachkriegszeit in Österreich. In dieser verworrenen Zeit geriet sie an eine Bücherei, die – wie sie schreibt – von einem Uraltbibliothekar verwaltet wurde. Und der gab ihr kurz nach 1945 ein Buch, das in schmieriges schwarzes Leinen gebunden war – mit dem Titel FABIAN. Der erste Autorenname, der sie überhaupt interessierte, stand als Verfasser darüber.
»Von da an hatte die Kinderliteratur (…) keine Chance mehr bei mir. Ich wurde Stammgast beim Uraltbibliothekar, und er händigte mir Atemberaubendes aus. Was sich der gute alte Mann dabei dachte, weiß ich nicht. Ich weiß nur mehr, dass ich etliche Male in der Woche Buchtauschen ging und sehr viel las, was ich nicht verstand und wovon ich fasziniert war. Einmal möchte ich das noch erleben und fühlen können. Mich an Sätzen erfreuen – um nicht zu sagen berauschen, die ich nur teilweise kapiere. Die ungeheure Erregung am »unaufgelösten Rest« ist mir als etwas Unheimliches und zugleich Wunderbares in Erinnerung«.

Nöstlinger, Christine: Robinson war bös zu Freitag. In: Die ZEIT 1985, Nr. 2, S.35
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